JACK WHITE in seinem Element: Mit „Lazaretto“ zwischen Blues, Pop und LED ZEPPELIN

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JACK WHITE in seinem Element: Mit „Lazaretto“ zwischen Blues, Pop und LED ZEPPELIN

Von der „roten (aggressiven) Schaffensphase“ der WHITE STRIPES verschlägt es JACK WHITE auf Solopfaden seit nunmehr drei Jahren ins melancholisch-morbide Blau – ähnlich wie Picasso zu Beginn seiner Kreativperiode. Wer jetzt keine Ahnung hat, was diese Sache mit den Farben zu tun hat, der soll sich bitte schnell die alten Albumcover der Stripes anschauen und mit Jacks aktuellen Longplayern vergleichen 😉 Am Ende des Reviews gibt’s dazu dann noch eine kleine Anspielung, also gut aufpassen!

Warum so farblos, Mr. White?

JACK WHITE hat den Rhytmus im (blauen) Blut. Das beweist er nicht erst seit seinem ersten Soloausflug auf „Blunderbuss“, sondern das wissen natürlich in erster Linie die Fans der WHITE STRIPES – und Liebhaber seiner kleinen Nebenprojekte THE RACONTEURS und DEAD WEATHER. Acht Grammys heimste sich der ADHS-Musiker mit den rot-weiß-schwarzen Streifen ein, schon damals dominierte eine aggressive Farbgebung in den Booklets und wart zuletzt auf den Platten zu hören. Im Alleingang gibt sich Jack hingegen von seiner melancholischen Seite. Nun ja, zumindest wenn man sich die neueren CDs, Konzertmittschnitte und seine Shootings ansieht, denn alles ist in ein kühles, morbides Blau getunkt – vielleicht ein bisschen zu viel im Blue Room des selbstgegründeten Studios Third Man Records abgehangen?

Tut eigentlich nichts zur Sache, ein bisschen eigen ist der Herr ja immer schon gewesen. Egal ob’s um seine Besessenheit für Vinyl geht oder darum, dass er mal eben nebenbei den Weltrekord für „Die schnellst-eingespielteste Platte“ aufstellt. Letztere Sache war ein feiner Schachzug und entstand im Zuge einer Mini-Live-Performance im oben genannten Blue Room. 3 Stunden, 55 Minuten und 21 Sekunden – vom ersten Ton auf der Bühne, hin zur fertig gepressten 7-Zoll-Schellack, inklusive der damals uraufgeführten Single „Lazaretto“. Ein wahrlich einmaliges Andenken an die paar wenigen Fans, die dieser Aktion beiwohnen durften.

Zurück zu den Wurzeln

Wie klingt das nun anno 2014? Nun ja, um ehrlich zu sein hat sich seit dem Nummer-Eins-Vorgängeralbum wenig getan – wenn man nur halbherzig hinhört. Besagtes Coverfoto hätte vom selben Shooting wie vor zwei Jahren stammen können und auch die Tracks stehen wieder Pate dafür, dass der Meister blindlinks seinen Thron verteidigt und eingängige Schmankerl aus dem Ärmel schüttelt als wären sie nix.

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Und doch gibt sich Jack irgendwie auch so sprunghaft wie nie zuvor. Abseits des großen Country-Themas, das über der gesamten Produktion liegt, – Ob’s wohl an der neuen Wahlheimat Nashville liegt? – probiert man sich an wild zusammengewürfelten Arrangements und platziert vife Kleinfallen in die hinteren Winkel der Songs, da wo ihnen nur echte Liebhaber Gehör schenken. Da erklingt plötzliche eine Mundharmonika, eine Slide oder ein Honkytonkpiano, ein vertracktes Violinsoli oder ein unerwarteter Sprechgesang-Part.

Perfekter Einklang

Riffs à la LED ZEPPELIN bleiben dabei zwar eine Konstante – im irren Titeltrack-Boogie „Lazaretto“ genauso wie im instrumentalen „High Ball Stepper“ oder in „I Think I Found The Culprit“ – aber der Enthusiast scheut weiter auch das Risiko nicht, probiert ebenso Bluegrass („Temporary Ground“), Southern Rock („Just One Drink“), Countrywalzer („Entitlement“), Pop („Alone In My Home“) und Reggae („The Black Bat Licorice“) aus. Keine Hemmungen, es funktioniert schlussendlich eh nahezu perfekt! Ekstatische Zwischenschreie im Stile von Robert Plant sind auch dabei. Wenn schon, denn schon.

Passend dazu prahlt er von drei Frauen, die ihm hörig sind – rot, blond, brünett, in Kalifornien, Detroit und Nashville – und stellt klar, dass es gar keinen Grund gibt, sich zu entscheiden: „Well, these women must be getting something ‚cause they come to see me every night.“ Es besteht die Hoffung, dass die Frauen in „Three Woman“ Synonyme für Musik sind.

Andere, leisere Nummern wie „Entitlement“ oder Saloon-Pianonummern der Marke „Want And Able“ kommen einem zwar bekannt vor – hat man in der ein oder anderen Form schon mal von Jack White gehört – aber treffen die schließlich auf der neuen Scheibe mit den rockigeren Stampfern zusammen, könnte man sich fast soweit aus dem Fenster lehnen und meinen, dass dieses Genie auf einem mittelinspirierten Album mehr geniale Momente versammelt, als die meisten seiner Nashville-Epigonen in einer ganzen Diskografie.

Conclusion

Auch nach 17 Jahren in der Öffentlichkeit ist das schier unermessliche Potenzial des Kreativlings noch nicht erschöpft. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass Picasso seine besten Bilder im Anschluss an seine blaue Phase gemalt hat, dann blüht uns bei Jack White ja noch Großes – Vielleicht ist’s aber auch wirklich an der Zeit, dass der farblose „Mr. White“ der Farbskala komplett entsagt und seinem Namen alle Ehre macht 😉

Mir hat das Wunderwerk extrem viel Spaß bereitet und wer meint es sei langweilig, der kann sich ja am neuen Full-Lenght der BLACK KEYS satthören.

Dazu eine lustige Geschichte zum Abschluss: Wie die White Stripes sind auch die Black Keys ein Duo, dass den Garagen-Blues-Rock wiederbelebt. Jack White meinte vor einiger Zeit, die Keys hätten seine Ideen geklaut – „Kopierende Arschlöcher“ war der genaue Wortlaut. Lustig, dass deren aktuelles Album den Namen „Turn Blue“ trägt …

Jack White - Lazaretto

Release: 10. Juni 2014
Label: Third Man Records

Tracklist:
01. Three Woman (3:57)
02. Lazaretto (3:39)
03. Temporary Ground (3:13)
04. Would You Fight for My Love? (4:09)
05. High Ball Stepper (3:52)
06. Just One Drink (2:37)
07. Alone in My Home (3:27)
08. Entitlement (4:06)
09. That Black Bat Licorice (3:50)
10. I Think I Found The Culprit (3:39)
11. Want And Able (2:34)

 



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