Auch ein blindes Huhn aus dem Wienerwald findet mal ein Korn: ORI AND THE BLIND FOREST

Review


Auch ein blindes Huhn aus dem Wienerwald findet mal ein Korn: ORI AND THE BLIND FOREST

Bei der Überschrift denkt ihr euch wahrscheinlich euren Teil, bestimmt gibt es auch Leute, die es gar nicht gerne lesen, dass so ein supertolles Spiel wie Ori and the Blind Forest durch den Kakao gezogen wird oder gar mit negativen Worten „belastet“ wird. Das liegt mir bei Gott auch fern, denn das Spiel ist nun mal eben supertoll – aber es überall als solches angeprangert zu bekommen und als DEN österreichischen Hit für Konsole seit ever zu verkaufen, macht mich schön langsam ein bisschen schirch. Mit Ori verbinde ich eine kleine Geschichte und leider muss ich diese mit der Community teilen. So lauschet …

Sekkantes Marketing, aber vielleicht klappt’s ja bei HALO

Seit gut einem Jahr geistert dieses Ori in meinem Kopf herum. Ich persönlich bin ja Indie-Spielen und Arcade-Titeln nicht abgeneigt, aber jeden Pups den die Branche lässt kann ich einfach nicht mitbekommen. Bei diesem Spiel war es meine Freundin, die mich darauf aufmerksam machte, und als ich auf der Game City vergangenen Jahres selbst Hand an dieses Game anlegte, war ich wie verzaubert. Grandiose Optik, ein forderndes – stellenweise knüppelhartes ABER fairesGameplay und ein zuckersüßer Protagonist. Die Formel ging auf und dem offiziellen Release des Spiels fieberte ich mindestens genauso entgegen wie meine bessere Hälfte.

Zum Spiel selbst wurde bereits alles Erdenkliche gesagt und kein Prädikat von „Phänomenal“ über „Traumhaft“ bis „Atemberaubend“ ausgelassen. Dem will ich mich wirklich anschließen, denn Ori hat mich nicht nur länger vor die Konsole gefesselt als so mancher aktuelle Triple-A-Titel, sondern hat mein komplettes spielerisches Können nach laaanger Zeit wieder einmal echt auf die Probe gestellt. Die Handlung schließlich beim Testen in aller Ruhe im Detail zu erfassen, die aufregenden Plots und Twists zu genießen, macht dieses Meisterwerk noch zusätzlich attraktiv. Als Legend of Zelda– und Super Mario-Fan konnte ich einige (mechanische) Parallelen entdecken, diese sind auch gewollt – wie mir Chefentwickler Thomas Mahler, von den Wiener Moon Studios, erzählte.

Die Moon Studios. Da wäre auch bereits ein Punkt, der leider angeprangert werden muss: Die Herrschaften haben vom Spiel selbst, bis hin zum Soundtrack alles pipifein gemacht – auch das Marketing wird angekurbelt wie seinerzeit die Kriegspropaganda und dafür zuständig ist Microsoft. Die haben sich diese „Indie“-IP nämlich gekauft und vermarkten das gute Stück gerade als „Made in Austria“-exklusiven Xbox-One-Titel, den es primär nur für die Xbox One gibt, am besten im „grenzgenialen“ Xbox-One-Bundle mit einer ganz besonderen Ori-Verpackung. So, dieser Satz wurde nun von mir redaktionell verfasst, nachdem sich die Exklusivität und die Besonderheit dieses Games dank unzähliger Pressemitteilungen und E-Mails von der PR-Agentur in meine Birne gefräst haben. Dass es dieses Spiel übrigens auch für PC zu kaufen gibt, das scheint Microsoft fast schon Wurscht zu sein. Egal, das Specialbundle ist der wahre Blickfänger bzw. auf dieses soll Meinereiner (Redakteur) nun euer (Leser) Augemerk lenken. Vielleicht müssen die Verkaufszahlen der Heimkonsole angekurbelt werden? Ich weiß es nicht. Fakt ist: Das Ding ist ehrlich gesagt weder „preiswerter“ noch bietet es etwas „Besonderes“.

Ori_Bundle

Der Sleeve, also die Verpackung, wurde eigens für dieses Bündel angefertigt, trägt noch einen netten Hashtag #esghertmehrgspüt sowie die rot-weiß-rote Flagge und hat den Protagonisten des Spiels zum Ausschneiden und daheim aufstellen abgebildet. Beigelegt wird ein Downloadcode für das 20€-Spiel, ansonsten ist alles wie gehabt – das Xbox-One-Basis-Set quasi (zum Gesamtpreis von € 399,-). ZUSCHLAGEN. JETZT!

Damit will ich den Abstecher in diese ganze Marketingmaschinerie auch wieder beenden, eine Sache muss ich aber noch loswerden: Diesen Absatz hätte ich mir gänzlich gespart – und mich wirklich völlig auf das Klassespiel konzentriert – wenn man mir nicht vorbetet, wie ich meine Texte zu gestalten habe und was nicht wichtig zu erwähnen wäre. Schade, manchmal führt Übereifer eben zu einer ungewollten Gegenreaktion. Junge Junge, da freue ich mich ja schon auf „richtige“ Microsoft-Liebkinder wie HALO 5

Zurück zum Spiel selbst, dem ich nun meine völlig unvoreingenommene Kritik widme – und sie auch so formuliere, wie ICH es für würdig empfinde. Immerhin handelt es sich hier meiner Meinung nach immer noch um einen „Indie“-Titel, der trotz seiner Vollpreis-PR-Schlagseiten einen Punkt berücksichtigt, den die großen Spiele heutzutage alle vermissen: Dieses hier hat Herz und Seele!

Jump’N’Run mit Öko-Botschaft

Ja, Ori ist ein Jump’n’Run. Im Gespräch mit einem Kollegen meinte dieser, dass das Spiel keines sei, weil die Pressemitteilung etwas anderes sagt. Meines Erachtens nach ist es ein JnR in Reinkultur, und auch das hat mir Thomas Mahler im Gespräch betont. Es hat freilich Action und man erlebt auch ein Abenteuer, dennoch ist es kein Action-Adventure. Man schießt gelegentlich mit Blitzen um sich, trotzdem ist es kein Shooter. Man springt und läuft zu 95% der Zeit durch die Spielwelt, pimpt ab und an Fähigkeiten des kleinen Ori und bewundert die atemberaubend schön gezeichneten Zwischensequenzen. Nein, ein Film ist es auch nicht.

Ori_Screen01

Nun wo wir wissen, was dieses Spiel ist, zur Geschichte: In einem Wald namens Nibel sorgt der lebensspendende Baum des Licht für Einklang. Anleihen an den Deku Baum aus Zelda sind übrigens erwünscht. Ori, ein geschlechtsloser Waldgeist, ist sowas wie ein Abkomme dieses Baums, der eines Tages seiner Kraft beraubt wird – in Folge stirbt der Wald, bzw. verliert seine Vitalität, weshalb er fortan als der blinde Wald bezeichnet wird. Wir zählen eins und eins zusammen: Ori muss das Leben wiederherstellen und den Baum quasi wieder wachrütteln. Schuld für dieses Unheil ist übrigens eine böse XXL-Krähe/Eule namens Kuro, von der wir im Laufe des rund zehnstündigen Spiels aber auch Motive erfahren – und sie plötzlich auch gar nicht mehr so fies finden. An dieser Stelle sei gesagt: Das Game geht was die Charakterzeichnung angeht bestimmt nicht in die Tiefe, machen Mario und Zelda-Ableger bei ihren Helden ja auch nicht, aber es erklärt, warum Figuren im Spiel so handeln wie sie es nun einmal tun. Die Message des Spiels wird zwar nirgendwo groß angeprangert, dennoch ist sie irgendwie unterschwellig zu vernehmen: Haltet die Umwelt sauber, weil sonst stirbt irgendwo auf der Welt ein kleines weißes Ori-Maxerl und bringt den Himmel zum weinen. Autsch! Na dann lieber doch Müll trennen …

Ori_Screen04

Open World mit Vorhängeschloss

In klassischer Sidecroller-Manier lenken wir das kleine weiße Geschöpf nun durch den Wald und müssen (ähnlich wie in Zelda) verschiedene Dungeon-ähnliche Abschnitte, die (wie bei Zelda) nach den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde designt sind, abklappern. Um es kurz zu machen: Wir suchen drei Fragmente die dem Baum wieder Leben einhauchen. Begleitet werden wir dabei von einer kleinen Fee names Sein, die uns wie ein Navi (oh, hab ich wieder eine Zelda-Anspielung entdeckt?) über die Map dirigiert und mit kleinen aber feinen Tipps zur Seite steht.

Grundsätzlich sei gesagt: Man kann sich zwar schon frei durch das Spiel bewegen und bestimmt auch bereits früh in Gebiete vorwagen, für die man zu Beginn noch viel zu schwach ist, sollte man aber a) lassen – weil man eben sonst hoffnungslos von den überstarken Gegnern aufgehaut wird und b) weil man irgendwann an Stellen kommt, wo man schlichtweg Trigger ausgelöst haben muss – sprich, in der Geschichte vorangekommen sein sollte. Stellt euch mal vor ihr könntet in Zelda von Beginn an gegen Ganondorf kämpfen: Wäre möglich, aber gewisse Items MÜSSEN sich nun einmal in eurem Rucksack befinden um ihm den Garaus zu machen. Ähnlich ist es hier. Somit gewährt einen Ori also ziemliche Freiheiten, die letztendlich aber leider nix bringen, weil man sich nur unnötig in Feindesland vorwagt, um später wieder mühsam von dort zu entkommen. Einfach bleiben lassen und linear den Questpunkten folgen, kleiner Tipp, dann kann man in diesem Game nix falsch machen.

Ori_Map

Pimp My Ori

Weil ich weder die Geschichte des Spiels noch den Verlauf der Levels in irgendeiner Art und Weise spoilern möchte – weil es so toll ist das alles selbst zu erleben –, lasse ich es an dieser Stelle gut sein mit der Handlung. Kleines weißes Figurlein will dunklen Wald wieder hell machen sollte für alle interessant genug klingen. Und wenn nicht: Springt über euren Schatten! Da verbirgt sich weitaus mehr dahinter als ihr vermutet …

Weil es dem/der Ori mit voranschreiten der Handlung nicht unbedingt leichter gemacht wird, kann man seine Fähigkeiten aufmotzen bzw. überhaupt einmal neue Moves dazulernen. Während man am Anfang gerade einmal laufen und springen kann, kommt schon bald die Fähigkeit hinzu, mittels kleinen Blitzen um sich zu schießen um Gegner zu dezimieren, ein Doppel- bzw. in weiterer Folge gar ein Dreifachsprung, verbesserte Wahrnehmung (mit der man Items aufspüren kann), die Fähigkeit, unter Wasser zu atmen, sowie stärkere und schnellere Schüsse. Der Skilltree ist überschaubar und kann vollends ausgefeilt werden. Dafür braucht es Erfahrungspunkte, die man entweder durch das Killen von Monstern oder das Aufsammeln loser EP-Punkte in der Spielwelt erntet.

Ori_Skilltree

Speichern nicht vergessen!

Als weitere wichtige Faktoren spielen natürlich Lebenskraft und (Zauber-)Energie eine wichtige Rolle. Wenn die grüne Vitalanzeige gen Null geht, heißt es zwar nicht Game Over, aber man beginnt an einem Checkpoint wieder. Diese müsst ihr selbst setzen, und dafür braucht es Zauberkraft. Die benötigt es zwar auch, um besonders starke Attacken zu entfesseln, aber das „Checkpoint setzen“ solltet ihr euch möglichst rasch angewöhnen, denn sonst gibt es im Spiel auf lange Sicht kein Vorankommen. Wann benötigt es Checkpoints? Bestimmt nicht alle paar hundert Meter, man kann immerhin bereits aktivierte Checkpoints mit einer entsprechenden Fähigkeit recyclen und abermals benutzen, aber wenn ihr seht dass die Spielwelt ungewohnt kompliziert aussieht: Speichert lieber ab! Ihr werdet wohl oder übel daran scheitern.

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Ori ist bei Gott kein unfaires Spiel, es hat aber gewisse Tücken. Manche Abschnitte sind hundsgemein gestaltet und erfordern spielerisches Können und Weitsicht. Man muss zwar nicht zwingend ein Vollprofi sein, doch die grauen Grübelzellen werden schon beansprucht, so man das Game zu 100% beenden will. Wer an einer Stelle 20-mal krepiert sollte bei Ori and the Blind Forest jedoch nicht dem Spiel die Schuld geben, sondern sich selbst: Jede Stelle ist zu bewältigen und benötigt gelegentlich einfach ein bisschen mehr Durchhaltevermögen.

Fazit

Alles in allem hat mich Ori vollends begeistert. Das kleine unscheinbare 20€-Indie-Spiel rotierte seine acht bis zehn Stündchen in meiner Xbox One, fesselte mich vom wunderschönen Anfang bis zum fulminanten Ende, und vermittelte nebenbei seine tollen Werte. Es braucht eben kein GTA V in 4K-Auflösung um Spieler heutzutage happy zu machen, und das beweisen die Moon Studios mit diesem Titel. Warum die IP an den Großkonzern Microsoft verscherbelt werden musste verstehe ich zwar nur bedingt, dennoch hoffe ich, dass es bei diesem einen Ableger bleibt und Ori nicht noch zig Pre- und Sequels aufgedichtet bekommt.

Laut Thomas Mahler soll das auch nicht passieren, denn er hat bereits zwei neue Konzepte im Kopf, die rein gar nix mit dem weißen Waldgeist zu tun haben und mindestens genauso vor die Bildschirme fesseln sollen. Empfehlen kann ich das Spiel wirklich jedem der eine Xbox One hat, denn so skurril es klingt: Mit Ori hatte ich mehr Spaß an meiner Xbox One als mit allen bisher erschienenen Titeln zusammen – manche mögen das „arm“ nennen, ich sage „super“. Super ist’s, da gibt’s keinen Zweifel, schade dass ich die einleitenden Worte so wählen musste, aber wenn ein guter Freund von dir seine Seele an den Teufel verkauft, wirst du wohl auch nicht nix sagen, oder? Eben.

Ori and the Blind Forest ist um € 20,- im Store eurer Xbox One sowie auf Steam für PC (!) zu finden.

 



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