Lange war mir nicht wirklich klar, wem Google mit Stadia abholen wolle? Für den Casual Spieler, der sich im Jahr ein Mal FIFA und vielleicht noch ein anderes Game pro Jahr kauft? Den Hardcore Gamer, der immer sein Setup bis zum Gehtnichtmehr optimiert? Um ehrlich zu sein, bin ich mir bis heute nicht sicher, für wen Stadia das richtige ist.

Wenn es nach mir ginge, sollte der Multi Milliarden Konzern, seine Kommunikationsstrategie sofort ändern. Google muss aufhören, Stadia mit einer Playstation oder einer Xbox zu vergleichen. Teraflops hier, Teraflops da. Nobody cares! Wenn es keine Spiele gibt oder die User Experience zu wünschen übrig lässt, heißt es: “ende Gelände“.

Google Stadia hat mich bei beiden Punkten positiv überrascht und im gleichen Atemzug entsetzt zurückgelassen.

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In einem Post, den ich vor knapp einem Jahr zu Google Stadia geschrieben habe, war ich nicht sonderlich von der Idee begeistert, dass Google mit einem Streaming Dienst ins Games-Business einsteigt.

Mir war der Gedanke zuwider, meine Games nicht physisch auf Discs oder auf meinen Festplatten, bei mir zu haben.
Der Gedanke, dass man ohne einer schnellen und stabilen Internetverbindung, komplett aufgeschmissen zu sein – ist für mich eigentlich ein K.-o.-Kriterium.

Und was ist mit der Latenz?

Nichts, aber auch gar nichts, kann das Spielerlebnis so zerstören, wie eine lange Verzögerung zwischen der Tasteneingabe und den Geschehnissen auf dem Bildschirm!
(*Bugs und schlechte Spiele, sind wieder ein anderes Thema*)

Gute Voraussetzungen

Viele Ängste und Befürchtungen, die ich zu Stadia hatte und teilweise noch habe, sind
Die meisten Spiele besitze ich, aus Gemütlichkeit, nur noch digital. Womit ich auch eigentlich, das Spiel nicht besitze, sondern nur eine Nutzungslizenz zahle.
Mit Ausnahme von der Nintendo Switch, zocke ich eigentlich immer zu Hause, wo ich mit einer 300 Mbit/s Leitung durch das Netz rase.

Konkurrenz beflügelt das Business, was uns Gamer wiederum im besten Fall zugutekommt.

Und Spoiler: Für die meisten Spiele, ist die Latenz gar nicht so schlecht, wie ich es befürchtet habe.

Also warum ist Stadia kein Smash Hit? Der neueste heiße Scheiß?
Nun ja, Google Stadia hat viele uns teilweise sehr seltsame …

Einschränkungen

Ich habe Stadia anfangs unter Idealbedingungen getestet. Auf einem 4K, Dolby Vision/HDR, 5.1 Home Cinema Setup. Auf einem zwei Jahre alten MacBook Pro, einem relativ neuen aber Klumpert-Android Tablet.
Mit einer relativ schnellen und stabilen Internetverbindung und Stadia Pro.

Google Stadia gibt es in zwei Geschmacksrichtungen.
Das Premium-Abo ermöglicht es mir, Spiele in bis zu 4K, HDR und 5.1 Sound zu spielen. Aber auch nur dann, wenn das Spiel diese Features unterstützen.

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Wie bereits erwähnt, war ich von der relativ kurzen Verzögerung überrascht. Klar, die Latenz war immer zu spüren, aber sie war nicht annähernd so schlimm, wie anfangs befürchtet und bei vielen Spielen nicht einmal störend.

Klar, eine eSports Karriere sollte man auf Stadia oder anderen Game Streaming Diensten nicht anstreben. Dennoch war die Latenz, für viele Singleplayer Games ausreichend.

Auf einem Fernseher, aus der Ferne habe ich manchmal vergessen, dass Spiel nicht bei mir lokal, sondern in irgendeiner Serverfarm läuft. Schon irgendwie cool! Am besten kann man, den Qualitätsunterschied mit Blu-Ray vs. Netflix oder Disney+ vergleichen.
Das gestreamte 4K Dolby Vision-HDR Bild sieht schon wirklich gut aus. Sie hat aber keine Chance gegen eine 4K Blu-Ray.

Im Browser sieht die Sache anders aus. Ich habe immer sichtbare Video Artefakte sehen können, obwohl ich mit dem gleichen Netzwerk verbunden war. Es ist kein Weltuntergang. Aber auch kein gutes Kaufargument!

Action! Aber nur bei guter Connection!

Google Stadia steht und fällt mit der Connection die man zu den Stadia-Server zustande bringt. Je schnelle und stabiler, desto besser.

Google empfiehlt für 4K HDR Gaming eine Verbindung mit 35 Mbps. Das hört sich für so ein verwöhntes Stadtkind wie mir, nicht viel an. Am Land und in vielen kleinen Orten und Städte sieht die Sache wieder komplett anders aus.

Ich persönlich hatte relativ selten irgendwelche Probleme. Über meine Standleitung lief alles reibungslos. Auch die Verbindung über 4G/LTE relativ stabil. Ich muss aber auch dazu sagen, dass es über das Mobilnetz, hier und da einige Aussetzer und stellenweise massive Einbußen der Videoqualität gab.

Schlussendlich geht es nur um eines. Die Spiele. Und da kann ich nur sagen:

Viel Spaß beim Suchen.

Ich sag es ohne Umwege. Google Stadia hat keine Suchfunktion. Es gibt keine Möglichkeit nach Spielen zu suchen! Ich wiederhole: Stadia, der Games-Streaming-Dienst des weltweit führenden Suchmaschinenanbieter, Google, hat keine Suchfunktion.

WIE DEPPERT KANN MAN SEIN?

Jedes Mal, wenn ich ein neues Spiel kaufen, freischalten oder einfach nur spielen wollte, musste ich durch verschiedene Kategorien oder durch eine elend lange Liste kämpfen, bis ich das Spiel gefunden habe. Das ist nicht nur mühsam, sondern auch frustrierend.

Zu Stadias Verteidigung: die letzten gespielten Spiele, werden auf der Startseite im Hero-Bereich oder am Fernseher angezeigt. Trotzdem deppert!

Ach ja, am Fernseher kann man gar nicht suchen. Das muss man über die App am Smartphone oder am Tablet machen.

Kaum exklusives, viel Generisches, eine Handvoll Highlights

Wenn man die Spielauswahl, ganz nüchtern betrachtet, ist Google Stadia eigentlich ganz O. K.

Neben ein paar Indie-Titel, Games von mittelgroßen Studios wie Hitman oder Serious Sam 4 (PC und Stadia exklusiv), das komplette 2020 Ubisoft-Line-up den, wenn man mich fragen würde, Stadia-Systemseller Cyberpunk 2077, hat man die Auswahl aus rund 160 Games. Von denen sind aber nur knapp 7 exklusiv auf Google Stadia.

Ähnlich wie bei Playstation Plus, Xbox Live bzw. Gamepass, bekommt man bei Google Stadia Pro, für einen monatlichen fixen Abopreis einige Spiele geschenkt.

Es ist aber wichtig zu sagen: Google Stadia ist kein Netflix für Games. Nicht ganz.

Wie bisher üblich muss man jedes Spiel, einzeln kaufen. Hat man nun Stadia Pro abonniert, erhält man zugriff auf die Stadia Pro Games, die immer kostenlos gespielt werden können, solange man ein laufendes Abo hat.

Ist Google Stadia brauchbar und hat es eine Daseinsberechtigung?

Kurzes Denkexperiment:
Angenommen, ich interessiere mich nur ganz wenig für Gaming. Ich habe weder eine Playstation, Xbox, noch einen Gaming-tauglichen PC, Notebook oder ein Mac.
Ich möchte aber hier und da der Realität den Rücken kehren und in die Welt von Hitman 3, Cyberpunk 2077 oder Red Dead Redemption 2 eintauchen. Was mach ich? Besonders angesichts dessen, was ich alles vorhin zu Stadia gesagt habe.

Google Stadia Controller

Ich sage jetzt nicht das Stadia die Gamingwelt auf den Kopf gestellt hat. Ich sage auch schon gar nicht, dass Game Streaming das “klassische” Gaming, wie wir es alle kennen, in der nächsten Zeit den Rang abnehmen wird.

Ich sage, dass Stadia und Game Streaming eine Daseinsberechtigung hat und in Wirklichkeit eine neue Plattform-Kategorie ist.
Und das habe ich eingangs mit “Googles Kommunikationsproblem” gemeint.

Gamestreaming ist nicht mit den klassischen Plattformen wie PlayStation, Xbox, Nintendo Switch oder Mobile vergleichbar.

Vielmehr sehe ich Google Stadia, wie ein nützliches Add-on für regelmäßige Spieler und Einstiegsmöglichkeit, die nicht die mittel oder keinen Lust haben, sich neue Hardware zu kaufen.

Und im Worst-Case wird es meine “Meeting-Nebenbeschäftigung”, sobald diese ganze Covid-Angelegenheit endlich ein Ende hat.